Eine andere Welt mitgestalten
Spätestens seit dem ökumenischen Kirchentag in Berlin sind in vielen kirchlichen Gruppen die Probleme der ökonomischen Globalisierung bekannter geworden. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bewegten schon in den 80er Jahren viele ChristInnen. Sie engagierten sich dafür, dass eine andere Welt möglich wird. In Porto Alegre formulierte seit 2001 das Weltsozialforum ähnliche Ziele. Inzwischen ist es eine weltweite Bewegung geworden und zum Ausdruck einer Hoffnung der Beteiligung aller Menschen. Es steht viel auf dem Spiel: Gerechtigkeit für die Armen, Frieden sowie die Bedrohung der Schöpfung. Das bedeutet auch, ein nachhaltiges Wirtschaften einzufordern, damit unsere Kinder eine lebenswerte Perspektive haben.
2003 wurde das „Norddeutsche Sozialforum“ (NDSF) gegründet, ein Netzwerk aus kirchlichen, gewerkschaftlichen und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen. Bischöfin Wartenberg-Potter, sagte im Grußwort zur Gründung: „Als Bischöfin begrüße ich Ihre Initiative, in Anknüpfung an das Weltsozialforum in Porto Alegre, die weltweite Bewegung für Gerechtigkeit zu stärken... Ich wünsche mir, dass das Norddeutsche Sozialforum Gemeinden und Initiativen ermutigt und stützt, die in der Ökumene und im fairen Handel tätig sind, dass Sie mithelfen den öffentlichen Diskurs über eine menschliche Globalisierung in Kirche und Gesellschaft zu führen und so ein Bewußtsein für gerechte Beziehungen stärken...“ In diesem Sinne und als Vorbereitung auf das 4.Weltsozialforum in Indien hatte das NDSF im Dezember zu einem workshop im Haus am Schüberg eingeladen. Professor Ulrich Duchrow von „Kairos Europa“, referierte zum Thema „Gerechtigkeit im Zustand weltweiter Armut“. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die Kritik an der ökonomischen Globalisierung. „Der Kapitalismus zerstört zuerst das Immunsystem der Gesellschaften “, so Duchrow, z.B. in der Individualisierung des Konsums und der Privatisierung öffentlicher Güter wie Land, Wasser, Gesundheitswesen usw., Duchrow: Diese Ideologie handelt nach dem Motto: „Ich vernichte Dich durch Konkurrenz“.
Seine Kritik richte sich nicht gegen den Globalisierungsprozess an sich. Scharf kritisiert er aber die negative Seite der Globalisierung, den Neoliberalismus, dessen selbstzerstörender Charakter Ausgrenzung und Armut produziert, menschliche Beziehungen zerstört und zu weltweiten ökologischen Katastrophen führt. Das ist ein zutiefst gegen den christlichen Glauben gerichtetes Wirtschaften. Gott will eine Welt, in der alle Menschen leben können, z.B. durch eine Ökonomie des Teilens. Jeder Mensch kann die Folgen des neoliberalen Projektes alltäglich sinnlich-konkret wahrnehmen z.B. in der Verschlechterung der öffentlichen Dienstleistung und Infrastruktur (Gesundheit, Bildung, Verkehr) oder in der zunehmenden Zerstörung der Schöpfung (Treibhauseffekt, Flächenversiegelung). Am deutlichsten ist aber der Trend an den Rändern der Gesellschaft zu sehen: Erwerbslosigkeit, Sozialhilfe, Armut und Obdachlosigkeit und noch deutlicher erkennen wir die Ausgrenzungen in den Ländern des Südens. Mit der Agenda 2010 und der damit verbundenen “Reformen“ beginnen diese Prozesse auch bei uns zu wirken.
„Wir können anders besser leben“, so Duchrow. Wichtig ist, dass Menschen wieder die Wahrheit über Politik und Wirtschaft hören, eine potentielle Aufgabe der Kirchen. Biblisch sei eine andere Vision: Die Option für die Armen und die Bewahrung der Schöpfung. Nächstenliebe ist das Kennzeichen von Christen und ein klares Kriterium zum Beurteilen von Politik und Wirtschaft, die die solidarische Gemeinschaft auf Gottes Erde mitgestalten sollen. So fordert Ulrich Duchrow (wie auch der ÖRK in seinem Brief (2002) an die Nordkirchen), dass Kirchen und Christen sich an die Seite der Globalisierungskritiker stellen, da sie derzeit am glaubwürdigsten für eine gerechtere und sozialere Welt eintreten.
Am Ende des workshops standen konkrete Schritte für ein Netzwerk, durch das globalisierungskritische Gruppierungen in Norddeutschland gestärkt werden. Die Vision des Weltsozialforums ist die Vernetzung der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen. Deshalb lädt das NDSF alle Gruppen ein, eine Aktionskonferenz (13.-15.8.04) am 3. Februar mit vorzubereiten. Eingeladen (Infos unter: www.ndsf.org) sind VertreterInnen von Initiativen, Gemeinden, Werken und Diensten, die zusammen mit anderen Gruppen einen Sozialforumsprozess in Norddeutschland fördern und gestalten wollen.
Der Workshop wurde beendet mit der Verabschiedung der VertreterInnen des NDSF am Weltsozialforum, das vom 16. bis zum 21. Januar 2004 in Mumbay/Indien stattfindet (weitere Informationen: www.wsfindia.org oder www.weltsozialforum.org).
Karl-Albert Kako. Referent für Erwachsenenbildung, PTI-Hamburg. Teilfeld 1, 20459 Hamburg, Tel: 040/36001926 – email: karl-albert.kako@pti-hamburg.de
Mitglied des Koordinierungskreis des Norddeutschen Sozialforums


